Teil 3: Karl May oder John Irving
In der kleinen Typologie der Schriftsteller zeigte ich bis jetzt die Paare Planer & Drauflosschreiber und Extrovertiert vs. Introvertiert. Heute geht es um zwei weitere Autoren-Möglichkeiten, die man bezeichnen könnte als Ausdenker und Recherchierer. Mein Lieblingsbeispiel für ersteren ist unser aller Winnetou-Held:
Karl May als Old Shatterhand
Der 1912 gestorbene Carl Friedrich May hat natürlich weder amerikanische Büffelherden noch die Wüsten des Orients besucht, auch wenn er genau das Gegenteil behauptete. Er hat nicht einmal groß recherchiert, sondern sich seine Helden und Schurken aus, wie man so schön sagt, den Fingern gesogen.
Ganz anders verfährt beispielsweise John Irving.
John Irving in Warschau (2004) Quelle: Wikipedia/Mariusz Kubik
Der großartigen Schöpfer von Büchern wie Garp oder wie er die Welt sah ist bekannt für seine Recherchierfreude - er hat nicht nur eigens dafür angestellte Mitarbeiter, sondern ist auch selbst sehr neugierig. In einem Interview mit der Zeit berichtet er etwa hier über seine Recherche bei Prostituierten in Amsterdam.
Mir steht Irving näher als May. Wenn ich über einen Ort schreibe, wie etwa die Lagunenstadt im Racheengel von Venedig muss ich ihn auch gesehen und erlebt haben. Internet und Bildbände helfen, aber die Nuancen schaffe ich nicht ohne eine Vor-Ort-Recherche: Vor allem was Geruch und Geschmack angeht, aber auch bestimmte Klänge kann ich nur so als Atmosphäre benutzen. Deshalb schreibt Stephen King sogerne über seine Heimat Maine oder Irving über New Hampshire, wo er 1942 geboren wurde.
Heute gehört eine gute Recherche ohnehin dazu, allerdings sollte man den Autorentypus à la Karl May nicht von vornerein verdonnern: Zum einen bewundere ich dessen großartige Fantasie, zum anderen kann es durchaus erholsam sein, beim Text einfach mal Draufloszuschreiben und sich einen Teufel um die Recherche zu kümmern. Denn die bietet auch Fußangeln: Beispielsweise werden die letzten Bücher von Michael Crichton wie Beute oder Welt in Angst von Fakten und Wissen komplett erdrückt. Verband er in seinen Klassikern wie Andromeda oder Jurassic Park noch auf grandiose Weise Fiction und Fact, so hatte ich bei den letzten Büchern den Eindruck, dass Crichton die Story selbst nicht mehr interessiert und nur noch lieblos runtergetippt wird.
Freud und Elend der Recherche - da freu’ ich mich eigentlich auf den nächsten Fantasy-Roman, den ich schreiben werde. Dort bleibt einem dieses Problem schon mal erspaart.
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