Lange Zeit sträubte ich mich gegen Vorbilder. Wollte autark sein und unabhängig, mich nicht an Rockschöße hängen und Berühmtheiten nacheifern. Auch unter den Schrifstellern fand ich eigentlich niemanden, der hätte Vorbild sein können. Wer auch? Absinthtrinker wie Edgar Allan Poe? Selbstmörder wie Ernest Hemingway? Völlig verkappte Typen wie Franz Kafka? Nicht, dass ich nicht so gut schreiben wollte wie Poe, Hem und Kafka. Aber Vorbilder - nein.
Auf den Online-Seiten der Zeit wurden letztens einige vorgeschlagen - keine Dichter, sondern von ihnen geschaffene Figuren. Unter dem Motto Jungs, lest mal hier! stehen zehn Bücherhelden zur Auswahl, die als Identifikations-Figur taugen sollen. Recht merkwürdige allerdings: Wer um Himmels willen sollte sich etwa Oskar Mazerath aus der Blechtrommel zum Vorbild wählen? Oder den jammernden und ebenfalls selbstmördernden Werther? Der Thomas Mannsche Felix Krull ist auch nur ein Hochstapler, Camus Fremder ein gefühlsarmer Killer und Arno Schmidts Ich-Figur in Schwarze Spiegel letztlich ebenfalls depremierend. Wer denkt sich solche Listen und Vorschläge bloß aus? Einzig Twains Tom Sawyer oder vielleicht noch Holden Caulfield aus dem Fänger im Roggen mögen angehen.
Seltsam.
Wenn ich ein literarisches Vorbild nennen sollte, einen Helden, wie ich vielleicht einer hätte sein wollen, dann doch bitteschön Jim Hawkins aus der Schatzinsel, Bastian Balthasar Bux aus der Unendlichen Geschichte oder meinetwegen Clark-Kent-Superman.
Sei’s drum - als ich dieser Tage wieder einmal meine Heimatstadt Frankfurt besuchte, fühlte ich mich zumindest mit einem Vorbild versöhnt. Dem großen halt:
Goethe und Krüger
Übrigens ist dieses Goethe-Bildnis von Johann Heinrich Tischbein aus dem Jahr 1787 auch so bekannt, weil … Goethe zwei linke Füße hat. Hier das beweisende Detail:
der zweite linke Fuß von Tischbeins Goethe
Tischbein wäre als Künstler demnach mein Vorbild nicht.
Zum Schluss noch zwei Zitate zum Thema. Einmal pro & lang von Erich Kästner: „Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um einen großen Dichter, um Mahatma Ghandi oder um Onkel Fitz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im gegebenen Augenblick ohne Wimpernzucken gesagt oder getan hat, wovor wir zögern.“
Und einmal contra & kurz von Diego Maradonna: „Ich bin nur ein Fußballer. Ich bin kein Vorbild für niemanden.“
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