Schnee in Literatur und Kunst

Noch schnell ein weihnachtlicher, sozusagen in letzter 2009-Minute geschriebener Blogeintrag. Und natürlich passend zum kältewellenden Thema …
Denke ich an meine gelesenen Schneeerfahrungen zurück, so fallen mir (neben Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee) vor allem Märchen ein von Rilke und den Grimms, aber auch Jack Londons Wolfsblut. Bei längerem Nachdenken fand ich natürlich auch zu folgender Passage:

“(… ) Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beidem, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf als auf Parkett - genau so leicht und angenehm wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.”

Thomas Mann war es, der 1924 im berühmten Schneekapitel des Zauberberg diese interessante Beobachtung anstellte.
Noch früher wurden folgende Zeilen geschrieben:

“(…) Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon darlegende Decke nieder. (…) Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.”

Aus Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall von 1845 stammt diese Beschreibung, die vor allem auf den Hörsinn bezug nimmt - ich meine jenes (durch den veränderten Luftdruck entstehende) faszinierende Phänomen, dass eine Schneedecke tatsächlich Klang und Schall dämmt und uns eine verzauberte Form von Stille nahebringt. Wer diese romantisch-berührende Weihnachtsgeschichte noch nicht kennt, kann sie online im “Projekt Gutenberg” nachlesen. Oder noch besser gleich ein Bändchen mit Stifter-Novellen kaufen :-)

Und noch ein dritter literarischer Stiefelschritt durch Schnee und Eis sei hier zitiert:

“(…) Einmal, nachdem die armen Zugtiere mich mit unglaublicher Anstrengung auf den Gipfel eines steilen Eisberges hinaufgeschleppt hatten, wobei eines davon unter der Überanstrengung zusammenbrach und verstarb, wollte die unermeßlich vor mir sich dehnende Weite mich schon mit Angst erfüllen, als ich urplötzlich eines dunklen Flecks inmitten der verdämmernden Ebene ansichtig ward.”

Mary Shellys 1818 (anonym) veröffentlichter Doktor Frankenstein spricht hier, der seinem melancholisch-mordenden Geschöpf bis zum Nordpol folgte - ein guter Platz übrigens für einen Showdown :-)

Shelly beschreibt den “dunklen Fleck” im Weiß, jene Mensch, Haus, Monster, durch die der Schnee erst greifbar und verstehbar wird. In der bildenden Kunst ist’s oft ein Baum, der das Phänomen Schnee erlebbar macht. Hier Beispiele meiner beiden liebsten Baum-im-Schnee-Maler:

Bäume im Schnee (Details)

Bäume im Schnee (Details)

Pieter Brueghel d.Ä., Bauernbrueghel genannt, und (einfacher zu erkennen) Caspar David Friedrich zeigen hier die Welt bei Schnee und Eis - auf die denkbar unterschiedlichste Art. Zwischen ihren Bildern liegen nicht nur rund 200 Jahre, sondern auch wahre Welten: Während Breughel seine Bilder mit trubelnden Menschenmassen bevölkert, feiert CDF die große Romantik der Einsamkeit. Und dennoch nutzen diese beiden Maler den Baum im Schnee:

C.D. Friedrich (1774-1840) und Pieter Brueghel d.Ä. (1525-1569)

C.D. Friedrich (1774-1840) und Pieter Brueghel d.Ä. (1525-1569)

So - nun bleibt mir nur, auf wunderbare, weiße weil schneereiche Weihnachten zu hoffen!
Schöne Feiertage wünscht herzlich
Euer
Jonas Torsten Krüger

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