Reisen und Schreiben

Gerade von einem Frankreich-Urlaub zurückgekehrt, muss ich natürlich über das Thema Schreiben und Reisen fabulaliterarisieren. Max Frisch notierte einmal die schöne Aussage: “Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung.” Recht hat er; und natürlich entwickelt diesen Film auf besondere Art jeder Text, der auf einer Reise beruht.

Eines der größten Geschenke an Schriftsteller sind seine geöffneten Augen: Weitab von jeder Art Hobby oder Vorliebe begeistert er sich an allem, was er sieht - und baut es früher oder später in seine Texte ein. So entdeckten wir beispielsweise in den Midi-Pyrénées Europas größten Schmetterling, das Große Nachtpfauenauge.

Großes Nachtpfauenauge (Saturnia pyri)
Großes Nachtpfauenauge (Saturnia pyri)

 
Prompt starrt man nicht nur begeistert auf das handtellergroße Tier oder denkt an Jean-Henri Fabre, jenen Naturforscher, den Victor Hugo als “Homer der Insekten” bezeichnete und der auch über diesen Nachtfalter schrieb. Nein, ein Schreiberling merkt sich die stark gekämmten Fühler, beobachtet das reflektierte Sonnenlicht auf den “Pfauen”augen und stellt sich vor, wie in der nächsten Kurzgeschichte so ein Falter herumflattert und wie eine Brieftaube geheime Botschaften am Flügel trägt.

Anderes Beispiel: Die romanischen Bildnisse in Südwestfrankreich: Der Meister von Cabestany, die Portalfiguren in Moissac oder die in den Pyrenäen oft zu findenden romanischen Kapitelle.
Ich muss kein Entomologe sein, um das Nachtpfauenauge spektakulär zu finden. Genauso wenig braucht’s kunsthistorische Superbildung, um in den mittelalterlichen Skulpturen alte Geschichte - und neue Storys! - zu finden.

Saint-Bertrand de Comminges
Saint-Bertrand de Comminges

 
Was wird wohl diese Frau erlebt, gefühlt, gedacht haben - oder der Bildhauer, der sie aus dem Stein meisselte?

Zum Thema Reisen und Schreiben gibt es übrigens nicht nur ein schlechtes Buch, sondern auch eine spannende Webseite: das Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens. Empfehlenswert!

Jede Reise ist voller Bilder, Gerüche und Geschichten. Und jede Reise ist ein göttliches Geschenk. So ähnlich dachte wohl auch Mark Twain, denn der schrieb in einem Brief: “In 20 Jahren werden Sie eher von den Dingen enttäuscht sein, die Sie nicht getan haben, als von denen, die Sie getan haben. Lichten Sie also die Anker und verlassen Sie den sicheren Hafen. Lassen Sie den Passatwind in die Segel schießen. Erkunden Sie. Träumen Sie. Entdecken Sie.”

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