Leser (4): Neulich in Mailand

Im mailändischen Castello Sforzesco findet sich nicht nur ein Deckenfresko von Leonardo da Vinci oder Michelangelos Pietà Rondanini, sondern auch eine gewaltige Pinacoteca. Bei meinem letzten Rundgang fiel mir dieses Bild in Auge und Kamera:

Correggio: Porträt eines lesenden Mannes

Correggio: Porträt eines lesenden Mannes

(Jedes Bild im Blog kann größer geklickt werden.)

Es trägt den Verlegenheits-Titel Porträt eines lesenden Mannes, wurde - wohl zwischen 1517 und 1523 - von Antonio da Correggio gemalt und fängt auf wundersame Art die Intimität des Lesens ein: So klein das Buch in der Hand auch sein mag, so kraftvoll zieht es doch die gesamte Aufmerksamkeit, die Gedanken und Gefühle des Mannes auf sich herab. Sein Kopf ist geneigt, die Augen sind tief gesenkt - dieser Leser scheint tatsächlich in das brevierartige Buch hineinzufallen. Ich frage mich zwar, wie er die wahrscheinlich kleinen Buchstaben auf diese Distanz überhaupt entziffern kann (vielleicht ist er ja auch einfach nur extrem weitsichtig :-)), aber die Magie des Kontaktes zwischen Leser und Gelesenem wird durch den großen Abstand fast noch inniger. Man spürt auf diesem Gemälde außerdem unglaublich stark jene Stille, die dem Lesen eignet. Und das, obwohl die Szene im Freien dargestellt ist: der Hintergrund mit Bäumen gefüllt, rechts neben dem Kopf, auf dem hellen Erdfleck sogar ein Tier - ein Reh? - zu erkennen. Die Verbindung von Leser und Gelesenem wird so um einen dritten Partner erweitert: stille Natur, das heißt Welt, das heißt Kosmos.
Ein großartiges Werk!

Antonio Allegri, dessen Künstlername sich von jenem norditalienischen Städtchen ableitet, in dem er 1489 geboren wurde und 1534 starb, dieser Maler aus Correggio also war ein Künstler der Renaissance, folgte Mantegna, da Vinci oder Raffael, ging aber schon mit großen Schritten in Richtung Barock. Mein Lieblingsbild von ihm hängt übrigens in Berlin - es entstand zwei Jahre vor seinem Tod:

Correggio: Leda und der Schwan

Correggio: Leda und der Schwan

 
Mir gefällt hier vor allem - neben dem so liebevoll gemalten Frauenkörper natürlich - die als Bildergeschichte, ja fast Comic gefügte Form der Erzählung: Correggio zeigt Leda, Gattin eines Königs von Sparta, gleich drei Mal im Bild: Mittig und zentral wird sie von Gottvater Zeus beglückt, der sich zu diesem Zwecke in einen Schwan verwandel hatte. Rechts davon steigt sie aus dem Fluß, frisch gebadet und von Bediensteten ein Tuch entgegen nehmend. Sie schaut zum davonfliegenden Zeus-Schwan hinauf - ein gleichsam winkender Blick. Noch weiter nach rechts, direkt am Bildrand, sieht man Leda zum dritten. Hier beginnt die chronologische Erzählung: Leda trifft beim Schwimmen den Schwann (ja, ja, ich liebe Alliterationen …) und schreckt erst einmal vor dem aufdringlichen Vogelvieh zurück.
Diese Darstellungsform der mythologischen Geschichte fasziniert mich deshalb, weil sie zu Correggios Zeiten eigentlich schon ziemlich, nun man könnte sagen, out war, der Maler also eine Art Rückgriff auf mittelalterliche Narrationsformen vollzieht - und sie gleichzeitig überformt und überwindet. Tja, auch da kann ich eben nur sagen: großartig!

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