Leser (3): Neulich in Lissabon

Heute in meiner kleinen Reihe von “Lesern in der Kunst” einer, der in seinem Tun gestört wird:

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus (1521)

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus (1521)

Wie ein beiläufiger Schnappschuss wirkt dieses Bild. Der bärtige Heilige - eben noch, mit auf der Hand gestützter Stirn, in seine Lektüre vertieft - schaut unwillig zum Störenfried hoch, der vielleicht fragte: “Hey, was soll das alles?” Und Hieronymus, Schutzpatron der Übersetzer, guckt rätselhaft und deutet als schweigende Antwort auf den Schädel. Sagen tut er nix.

Erschaffen hat dieses Gemälde der 50-jährige Albrecht Dürer, sieben Jahre vor seinem Tod. Hier drei nebeneinander gestellte Selbstporträts von ihm aus den Jahren 1511 (Landauer Altar), 1506 (Rosenkranzfest) und eine Zeichnung von 1503:

Albrecht Dürer x 3

Albrecht Dürer x 3

Ich bin ein großer Dürer-Fan unter der Sonne: Dieser Mann hat die bildende Kunst nördlich der Alpen revolutioniert und besonders - was schon dieser Vergleich dreier Selbsbildnisse zeigt - in der Grafik einen komplett neuen Kosmos geschaffen. Düreres Gemälde sind von delikater Qualität aber stellenweise, nun ja, langweilig. Seine Zeichnungen und Drucke dagegen empfinde ich als absolut großartig und stets spannend. So habe ich am Anfang dieses Blog-Eintrags auch den gemalten Hieronymus aus dem Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon eigentlich nur vorgestellt, damit ich dieses Blatt zeigen kann:

Gehäus

Hieronymus im Gehäus (1514, Kupferstich)

Diese Grafik - zusammen mit Melancholia I und Ritter, Tod und Teufel zu den drei Meisterstichen Dürers gehörend - gefällt mir ob ihrer grandiosen Kraft um einiges besser als der gemalte Hieronymus. Mein kleines Problem dabei war: Der Mann liest halt nicht, er schreibt - und diese Blog-Reihe nennt sich nun mal “Leser”. Aber den Druck als Vergleich heranzuziehen - das ist legitim.

Hieronymus im Gehäus - ein erstaunliches Bild. Wirkt der gemalte Heilige wie ein Schnappschuss, erinnert der Kupferstich an eine Schwarzweißfotografie: Tür auf, und ein Blick ins vollgestopfte Zimmer - vom Kürbis am Türsturz bis zum an der Hinterwand aufgehängten Kardinalshut. Das Stundenglas daneben. Löwe, Hund und - abermals - ein Totenschädel. Das Sonnenlicht, gefiltert durch die Butzenscheiben. Großartig, wie Dürer hier die Grauschattierungen vornimmt - ein völliges Novum in seiner Zeit und Zunft. Der Nürnberger Künstler führte einen “grafischen Mittelton” ein, eine Stufenfolge von Weiß bis Schwarz, die er in feinsten Nuancen nutzt. Und wo setzt er das Weiß in seiner Reinkultur ein? An einer einzigen Stelle, die natürlich die zentrale ist: am Heiligenschein. Auf diese Art kann Dürer seinen Protagonisten ruhig hinten ins Gerümpel setzen - der Kranz um seinen Kopf leuchtet.

Hieronymus im Gehäus steht als kleine Kopie auf meinen Schreibtisch. Während ich meine Geschichten tippe, setzt er ruhige Federstriche und überträgt die Bibel - ein Buch, das zumindest große Geschichten erzählt. Hieronymus ist für mich der Innbegriff der vita contemplativa, eines Lebens, das sich der ruhigen, geistigen Arbeit widmet. Die andere Möglichkeit - die vita activa - stellt Dürer in Ritter, Tod und Teufel vor. Aber das ist eine andere Geschichte. Und dort liest auch niemand.
Oder schreibt.

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