Leser (1): Neulich in Florenz

Bilder von Lesern – ich liebe sie. Das Zusammentreffen von Mensch und Buch ist einer der intimsten Momente überhaupt, eine Liebesbeziehung der ganz besonderen Art. Was liegt da näher, als hier in loser Folge einige meiner Lieblings-Leser aus Kunst und Alltag vorzustellen?
Den Anfang macht ein Detail aus dem vielfigurigen Fresko des Italieners Andrea da Firenze, auch Andrea di Bonaiuto genannt. Man findet dieses Wandbild im Kreuzgang der Kirche Santa Maria Novella in Florenz (der Eingang liegt links neben dem Kirchenportal), genauer in der Cappellone degli Spagnoli – der spanischen Kapelle. Ausgemalt wurde sie um 1365, allerdings weiß man nicht wirklich viel darüber. Giorgio Vasari, Vater der Kunstgeschichte, schrieb die Fresken beispielsweise Simone Martini und Taddeo Gaddi zu, andere nannten als Autor Orcagna. Da hat’s offensichtlich einiges an Kunsthistorikern gebraucht, um den richtigen Maler ausfindig zu machen. Aber auch von Herrn Andrea da Firenze ist wenig bekannt: In sein Œuvre fällt noch der Camposanto in Pisa – und das war’s dann auch schon so ziemlich.
Aber egal. Hier also der frühe Leser aus dem 14. Jahrhhundert:
 

der Leser von Andrea da Firenze
der Leser von Andrea da Firenze

 
Ist er nicht herrlich, dieser Leser? Um ihn herum wird gebetet, diskutiert und gelebt – er aber, versunken in sein Buch, bekommt nichts mit von alledem. Er liest. Schon seine Haltung verrät den Mann: Alle anderen schauen nach rechts, meist im Profil; sie stehen oder knien. Der Leser aber hockt zusammengekauert frontal im Fresko. Er liest. Er brütet. Er ist völlig weg. Die Schultern hochgezogen, der Kopf gebeugt, die Augen im Text versunken. Sogar die Fußzehen scheinen sich ob der lesenden Konzentration anzuspannen. Und dann die Finger der rechten Hand: Wunderschön beobachtet von Andrea da Firenze, wie sich der Zeigefinger träumend, denkend, lesend zwischen die Lippen presst.
Ein großartiges Bild. Wenn ich es anschaue, denke ich immer an ein Zitat von Hermann Hesse zu diesem Thema: “Es ist mit dem Lesen wie mit jedem anderen Genusse: er wird stets desto tiefer und nachhaltiger sein, je inniger und liebevoller wir uns ihm hingeben.”

Genau.

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