Ein Zitat von Flaubert

Gustave Flaubert schrieb Madame Bovary, ein großartiges Buch, das mir nie so recht gefiel. Ein Buch, das den 1880 gestorbenen Schriftsteller vor Gericht brachte - die Anklage lautete: “Verstoß gegen die guten Sitten”. Digitalisiert im Projekt Gutenberg kann man den kompletten Roman hier nachlesen.

Im Dezember 1852, sechs Jahre bevor Madame Bovary häppchenweise in La Revue de Paris veröffentlicht wurde, schrieb Flaubert in einem Brief an seine Geliebte und Schriftstellerkollegin Louise Colet: “Der Verfasser soll in seinem Werke sein wie Gott im Weltall: überall gegenwärtig und nirgends sichtbar.”

Gustave Flaubert (1821-1880)

Gustave Flaubert (1821-1880)

 
Was Flaubert so dichterisch treffend zusammenführt, trennten Germanisten wie Franz Stanzel um 1950 wieder auf: Sie definierten den “auktorialen” als Gegenpart zum “personalen” Erzähler. Der auktoriale ist der allwissende, alle Figuren kennende und nicht zuletzt kommentierende und richtende Erzähler. Einer, der es dem Leser leicht macht, sich mit den Personen der Geschichte zu identifizieren. Stephen King beispielsweise schreibt gern auktorial. Mit Flauberts Worten: ein überall gegenwärtiger Gott.
Den personalen Erzähler in literaturwissenschaftlichen Typologien dagegen definieren Stanzel und Co so: Der Leser bekommt ihn gar nicht mit. Der Text wird einzig aus der Sicht (fast immer nur) einer Figur wahrgenommen. Keine Kommentare, kein Allwissen, keine Perspektivenwechsel. Der Erzähler ist, formuliert von Flaubert, “wie Gott nirgends sichtbar”.

Natürlich gestehen die Theorien Mischformen ein, und natürlich muss man zwischen Autor und Erzähler noch einmal unterscheiden. Aber auf jeden Fall lohnt es sich für jeden Schreiberling über seine Erzählperspektive nachzudenken. Dazu muss man nicht unbedingt Literaturtheorie wälzen (obwohl das ganz spannend ist). Es genügt schon, sich Flauberts Satz immer mal wieder zu vergegenwärtigen: “Der Verfasser soll in seinem Werke sein wie Gott im Weltall: überall gegenwärtig und nirgends sichtbar.”

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