Ein Zitat von Duchamp

So, nach der Sommerpause (obwohl - was für ein Sommer?) geht’s auch hier im Blog weiter. Mit einem passenden Bonmot von diesem griesgrämig blickenden Herrn:

Duchamp, Quelle: Library of Congress, via Wikipedia

Duchamp, Quelle: Library of Congress via Wikipedia
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Marcel Duchamp lebte von 1887 bis 1963, war ein französisch-amerikanischer Künstler und für so manchen Skandal gut. Noch vor Kubismus, Dada und Surrealismus schuf er seine “Ready-Mades”: Alltagsgegenstände, die aus ihrem Zusammenhang gerissen und durch einfache Umbenennung zum Kunstwerk erklärt wurden. Bekanntestes Beispiel ist Duchamps Fountain - ein Urinal, das sich durch eine Signatur und Datierung zur künstlerischen Wasserfontäne aufschwingt:
 
Kopie der
Fontaine (Kopie) Foto-Copyright: Micha L. Rieser

 
Das Foto zeigt eine Replik im Musée Maillol - das Original ging verloren. Und man denke: Diese leibhaftig gewordene Auflehnung gegen die Kunstwelt stammt aus dem Jahre 1917!

Jetzt aber zum heutigen Zitat - Duchamp schrieb einmal folgendes:
“Ich hätte wohl gern arbeiten mögen, aber es gab da in mir einen enormen Fundus an Faulheit. Lieber lebe ich, atme ich, als dass ich arbeite.”
Eines der gößten Probleme für jeden Schriftsteller - weit abseits von Schreibblockaden, Plot-Schwierigkeiten oder Figurenschwächen - ist ganz einfach sie, die große Trägheit, die Bequemlichkeit des Lebens, die Passivität des Alltags - kurz: die eigene Faulheit. Wir alle kennen das Aufschieben und die Flucht in Unterhaltung (welcher Form auch immer). Komischerweise ist das, was uns mit größter Lust und Freude erfüllt, nicht immer das, was wir allsogleich mit Feuereifer anpacken. Da scheint es innere Sperren zu geben, träge Massen im Kopf halt, die uns von der Arbeit abhalten. Ich liebe das Schreiben. Aber ich liebe auch, was weiß ich, die Beobachtung eines Sonnenaufgangs. Deshalb stehe ich trotzdem nicht jeden Tag früh auf, um mir dieses Schauspiel anzusehen. Weil ich faul bin. Und weil - gib’ es nur zu, Schreiber! - der Druck von außen fehlt. Erst wenn der Abgabetermin für ein Manuskript wieder einmal droht wie ein zorniger Gott, fange ich wirklich an, die Tastatur zu bearbeiten.
Seltsamerweise wird die Faulheit des Künstlers nur selten thematisiert. Aber nicht nur deshalb zitiere ich hier Duchamp. Sondern auch, weil er gleichsam einen Hauch von Entschuldigung zulässt: “Lieber lebe und atme ich”, schreibt er, und das kann ja unmöglich schlecht sein, das hat was von zenmäßigem In-der-Gegenwart-sein. Da wird die eigene Faulheit unter der Hand umgedeutet in ein “den kreativen Brunnen auftanken”.
Und das gefällt mir natürlich.
Wie allen Faulpelzen.

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