2. November 2008
Passend zum Humor-Thema des letzten Beitrags kommt das heutige Zitat übers Schreiben daher:
“Die Phantasie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können, und der Humor über das, was sie tatsächlich sind.”
Der Satz stammt vom existenzialistischen Nobelpreisträger Albert Camus:
Albert Camus (1913-1960)
Wobei ich das “trösten” gerne ausweiten möchte in ein “ermöglichen”. Denn Phantasie und Literatur machen es uns in der Tat möglich, einige Buchseiten lang etwas anderes zu sein als im Alltag - endlich ein wahrer Held oder ein fieser Bösewicht.
Und das ist mehr als Trost … bien sur!
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16. Juli 2008
Gustave Flaubert schrieb Madame Bovary, ein großartiges Buch, das mir nie so recht gefiel. Ein Buch, das den 1880 gestorbenen Schriftsteller vor Gericht brachte - die Anklage lautete: “Verstoß gegen die guten Sitten”. Digitalisiert im Projekt Gutenberg kann man den kompletten Roman hier nachlesen.
Im Dezember 1852, sechs Jahre bevor Madame Bovary häppchenweise in La Revue de Paris veröffentlicht wurde, schrieb Flaubert in einem Brief an seine Geliebte und Schriftstellerkollegin Louise Colet: “Der Verfasser soll in seinem Werke sein wie Gott im Weltall: überall gegenwärtig und nirgends sichtbar.”
Gustave Flaubert (1821-1880)
Was Flaubert so dichterisch treffend zusammenführt, trennten Germanisten wie Franz Stanzel um 1950 wieder auf: Sie definierten den “auktorialen” als Gegenpart zum “personalen” Erzähler. Der auktoriale ist der allwissende, alle Figuren kennende und nicht zuletzt kommentierende und richtende Erzähler. Einer, der es dem Leser leicht macht, sich mit den Personen der Geschichte zu identifizieren. Stephen King beispielsweise schreibt gern auktorial. Mit Flauberts Worten: ein überall gegenwärtiger Gott.
Den personalen Erzähler in literaturwissenschaftlichen Typologien dagegen definieren Stanzel und Co so: Der Leser bekommt ihn gar nicht mit. Der Text wird einzig aus der Sicht (fast immer nur) einer Figur wahrgenommen. Keine Kommentare, kein Allwissen, keine Perspektivenwechsel. Der Erzähler ist, formuliert von Flaubert, “wie Gott nirgends sichtbar”.
Natürlich gestehen die Theorien Mischformen ein, und natürlich muss man zwischen Autor und Erzähler noch einmal unterscheiden. Aber auf jeden Fall lohnt es sich für jeden Schreiberling über seine Erzählperspektive nachzudenken. Dazu muss man nicht unbedingt Literaturtheorie wälzen (obwohl das ganz spannend ist). Es genügt schon, sich Flauberts Satz immer mal wieder zu vergegenwärtigen: “Der Verfasser soll in seinem Werke sein wie Gott im Weltall: überall gegenwärtig und nirgends sichtbar.”
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18. März 2008
Plinius der Ältere, römischer Universalgelehrter und um die 50 nach Cristus lebend, schreibt in seiner Naturalis historia auch ein paar Takte zur Malerei (notabene: damit wären in diesem Nebensatz schreiben, malen und Musik vereint :-)). Er berichtet vom Griechen Apelles, dem vielleicht berühmtesten Maler des Altertums, Zeitgenosse Alexanders des Großen und geboren etwa 370 vor Christus. Von Apelles stammt (laut Plinius) auch das bekannte Zitat: “Nulla dies sine linea”, also soviel wie: “Kein Tag sei ohne Linie (ohne Pinselstrich)”. Als Motto auch für jeden Schriftsteller unbedingt zu empfehlen, leicht abgewandelt in so etwas wie: “Kein Tag sei ohne Zeile”. Denn Regelmäßigkeit macht einen nicht automatisch zu einem besseren Schreiberling, führt aber auf jedem Fall zu einem engen Kontakt zum Text.
Von Apelles stammt übrigens noch ein geflügeltes Wort: “Schuster, bleib’ bei deinen Leisten!” Auch das wissen wir über Plinius: Apelles habe sich gerne in der Nähe seiner Bilder versteckt, um die Kommentare der Betrachter zu belauschen. Einmal habe ein Schuster bemängelt, die von Apelles gemalten Schuhe hätten eine Öse zu wenig. Prompt korrigierte der Maler. Doch nun kritisierte der Schuster auch noch die Schenkel der gemalten Figur. Darauf habe Apelles ihm das berühmte Zitat zur Antwort gegeben.
Leider wie verständlicherweise ist kein Gemälde des Apelles erhalten - man kennt nur seine netten Sprüche und die Tatsache, dass er als erster Maler überhaupt ein Selbstportät von sich anfertigte.
Als Illustration deshalb eine Neufassung der “Verleumdung”, einem der berühmtesten Gemälde Apelles. Ihm wurde von einem General Alexanders Königs-Verschwörung zur Last gelegt. Nachdem seine Unschuld geklärt war, schuf Apelles aus Rache sein Bild von dem eselsohrigen König Midas, mit sich selbst als halbnacktem, gefesselten Opfer.
Und malte jeden Tage eine Linie.
Sandro Boticelli: Die Verleumdung des Apelles (Uffizien, Florenz)
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