Von meiner Bewunderung für Stephen King mache ich keinen Hehl - Zeit also, dass er auch in der Rubrik “Zitate übers Schreiben” seinen Platz findet. Hier einer seiner Leitsätze:
Ein schöner Satz, ein treffender Satz - und das englische Wort “deadline” klingt einfach viel packender als unsere, tja was, “Abgabefrist”?!
Jedenfalls kann ich diese Aussage nur unterstreichen: Neben all dem Musengerede um Inspiration und mythische Quellen der Dichtung ist der Zeitdruck ein nicht zu verachtender Motor der Kreativität. Für mich jedenfalls ist der hektische Blick auf das Datum sehr hilfreich, zumal er mir jegliche Ablenkung verleidet und die Fokussierung auf den Text herbeizwingt.
Stephen King (geboren 1947) Quelle: wikipedia/pinguino
Das Zitat entstammt übrigens aus diesem Band:
Für mich vielleicht nicht das beste Lehrbuch für Autoren (mein Favorit bleibt weiterhin Sol Steins Übers Schreiben), aber auf jeden Fall das am besten geschriebene. Stephen King ist eben Dichter genug, um auch in ein theoretisches Werk passende Metaphern zu packen. Als Beispiel dafür Kings Gedanken zum Thema “Überarbeitung”: ” (…) Wenn man ein Buch verfaßt, pflanzt man Tag für Tag Bäume. Am Ende muß man einen Schritt zurück tun und sich den Wald ansehen. Nicht jedes Buch ist gespickt mit Symbolik, Ironie und musikalischer Sprache (nicht ohne Grund nennt man es Prosa), aber alle Bücher, wenigstens die, die sich zu lesen lohnen, haben ein bestimmtes Thema. Während oder direkt nach der ersten Fassung ist es Ihre Aufgabe zu entscheiden, wovon ihr Buch handelt.”
Aus gegebenem Anlass - die Medien sind ja zum 200-jährigem Geburtstag voll mit E.A.P. - heute ein Zitat vom großen Meister des Horror- und Detektiv-Genres:
Edgar Allan Poe (1809-1849)
Das folgende Zitat stammt aus Poes auch heute noch äußerst lesenswerten Essay Die Methode der Komposition: “Zweierlei ist unabänderlich nötig: erstens ein gewisses Maß an Vielseitigkeit, oder eigentlich Schmiegsamkeit; und zweitens ein gewisses Maß an Mehrdeutigkeit - eine, wenn auch noch so unbestimmte, Unterströmung an Bedeutung.”
In diesem spannenden Aufsatz von 1846 analysiert der gerade mal 40 Jahre alt gewordene Poe sein eigenes Gedicht The Raven, zeigt Schritt für Schritt die Entwicklung der einzelnen Strophen auf und gibt ziemlich damit an, dass er sich seine Verse rein rationell nach dem Schema Ursache und Wirkung ausdachte. Obwohl ich den Text nach wie vor faszinierend finde, nehme ich Poe diese rein handwerkliche Arbeit nicht ab: Ach, ich wollte ein Gedicht machen über das Schöne, und das Schöne ist auch immer das Traurige, also was Trauriges, und dann suchte ich mir das Traurigste aus - Liebeskummer - und überlegte mir flugs ein düsteres Bild und fand den Raben - und so weiter. Natürlich stimmt all das auch, aber ohne Poes großartiges Gespür für Klang, Sprache und Melancholie hätte ihn eine solche Technik auch nicht weit gebracht.
Sei’s drum. Das Zitat aus Die Methode der Komposition jedenfalls geht mir immer mal wieder im Kopf herum, wenn ich merke, dass ich zu sehr auf der Oberfläche des Geschehens bleibe, auf der jeweiligen Aktion. Und dann suche ich, manchmal länger, manchmal kürzer, bis ich sie finde, die ” … noch so unbestimmte Unterströmung an Bedeutung.”
Wer das (lange) Raben-Gedicht noch nicht kennt, dem sei es hier vom kongenial verrückten Schauspieler Vincent Price vorgetragen:
Poes überaus erfolgreiches Gedicht war nicht nur Inspirationsquell etwa für das Klangkunstwerk Tales of Mystery and Imagination vom Alan Parsons Project, sondern wurde immer wieder illustriert - herausragend umgesetzt etwa von Gustav Doré oder Eduard Manet. Ich habe aus deren beiden Grafik-Zyklen mal die zwei Blätter nebeneinander gestellt, die folgende Poe-Strophe illustrieren:
Open here I flung the shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately raven of the saintly days of yore;
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he;
But, with mien of lord or lady, perched above my chamber door —
Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door —
Perched, and sat, and nothing more.
Dazu gibts links Doré (von 1884) und rechts Manet (aus dem Jahr 1875, aber viel moderner - non?):
Fenster auf - von Dore und Manet
Edgar Allan Poe war für mich eine der ersten großen Leseerfahrungen überhaupt. Sein schmales Œuvre hatte ich wahrlich schnell durch, nachdem mich Kurzgeschichten wie Die Maske des Roten Todes oder Grube und Pendel begeistert hatten. Was für Texte!
Sein Essay Die Methode der Komposition über die Entstehung des Raven-Gedichtes ist etwa in folgendem Buch zugänglich:
Herausgeber Bach & Schenkel
Weitere Beiträge dieser lesenswerten Anthologie stammen beispielsweise aus der Tastatur von Ted Hughes, Dietrich Schwanitz oder Gilbert K. Chesterton (dem Erfinder der Bater-Brown-Stories).
Ob Autoren, Maler oder Musiker - der kreative Prozess (oder wie man das auch immer nennen mag) funktioniert bei allen Künsten ähnlich. Deshalb werde ich ab und an in der Rubrik “Zitate übers Schreiben” auch Kollegen aus anderen Sparten zu Worte kommen lassen.
Heute also der große “Satchmo” mit dem kleinen Satz: “Wir spielen das Leben.” Oder, je nach Übersetzung: ”Was wir spielen, ist Leben!”
Louis Daniel 'Satchmo' Armstrong (1901-1971)
Was wir schreiben, ist das Leben - mehr nicht. Oder vielleicht doch: … ist unser Leben.
Der Doppelsinn von “spielen” passt zudem auf das Autorenhandwerk besonders gut: Wer schreibt, ist ein Schau-Spieler im Kopf, spielt alle Rollen seines Textes selber, lebt den Held genauso wie den Bösewicht.
Bleibt noch der musikalische Abschluss: eine Aufnahme des Mackie-Messer-Songs, geschrieben von Bertold Brecht, komponiert von Kurt Weil.
Und gesungen, gespielt, gelebt - von Louis Armstrong.
Yeah!