Ein Zitat von Duchamp

5. September 2010

So, nach der Sommerpause (obwohl - was für ein Sommer?) geht’s auch hier im Blog weiter. Mit einem passenden Bonmot von diesem griesgrämig blickenden Herrn:

Duchamp, Quelle: Library of Congress, via Wikipedia

Duchamp, Quelle: Library of Congress via Wikipedia
(Alle Fotos im Blog können größer geklickt werden)
 
Marcel Duchamp lebte von 1887 bis 1963, war ein französisch-amerikanischer Künstler und für so manchen Skandal gut. Noch vor Kubismus, Dada und Surrealismus schuf er seine “Ready-Mades”: Alltagsgegenstände, die aus ihrem Zusammenhang gerissen und durch einfache Umbenennung zum Kunstwerk erklärt wurden. Bekanntestes Beispiel ist Duchamps Fountain - ein Urinal, das sich durch eine Signatur und Datierung zur künstlerischen Wasserfontäne aufschwingt:
 
Kopie der
Fontaine (Kopie) Foto-Copyright: Micha L. Rieser

 
Das Foto zeigt eine Replik im Musée Maillol - das Original ging verloren. Und man denke: Diese leibhaftig gewordene Auflehnung gegen die Kunstwelt stammt aus dem Jahre 1917!

Jetzt aber zum heutigen Zitat - Duchamp schrieb einmal folgendes:
“Ich hätte wohl gern arbeiten mögen, aber es gab da in mir einen enormen Fundus an Faulheit. Lieber lebe ich, atme ich, als dass ich arbeite.”
Eines der gößten Probleme für jeden Schriftsteller - weit abseits von Schreibblockaden, Plot-Schwierigkeiten oder Figurenschwächen - ist ganz einfach sie, die große Trägheit, die Bequemlichkeit des Lebens, die Passivität des Alltags - kurz: die eigene Faulheit. Wir alle kennen das Aufschieben und die Flucht in Unterhaltung (welcher Form auch immer). Komischerweise ist das, was uns mit größter Lust und Freude erfüllt, nicht immer das, was wir allsogleich mit Feuereifer anpacken. Da scheint es innere Sperren zu geben, träge Massen im Kopf halt, die uns von der Arbeit abhalten. Ich liebe das Schreiben. Aber ich liebe auch, was weiß ich, die Beobachtung eines Sonnenaufgangs. Deshalb stehe ich trotzdem nicht jeden Tag früh auf, um mir dieses Schauspiel anzusehen. Weil ich faul bin. Und weil - gib’ es nur zu, Schreiber! - der Druck von außen fehlt. Erst wenn der Abgabetermin für ein Manuskript wieder einmal droht wie ein zorniger Gott, fange ich wirklich an, die Tastatur zu bearbeiten.
Seltsamerweise wird die Faulheit des Künstlers nur selten thematisiert. Aber nicht nur deshalb zitiere ich hier Duchamp. Sondern auch, weil er gleichsam einen Hauch von Entschuldigung zulässt: “Lieber lebe und atme ich”, schreibt er, und das kann ja unmöglich schlecht sein, das hat was von zenmäßigem In-der-Gegenwart-sein. Da wird die eigene Faulheit unter der Hand umgedeutet in ein “den kreativen Brunnen auftanken”.
Und das gefällt mir natürlich.
Wie allen Faulpelzen.


Zwei Zitate von Jorge Luis Borges

3. Februar 2010

Der Trend zum dicken Buch geht so offensichtlich wie ermüdend weiter - die Zeiten von Shortstories und Novellen scheinen endgültig dahin. Da ich mich in letzter Zeit durch einige dieser wohlbeleibten Schriften durchgekämpft habe - von Tellkamps Turm über Schätzings Limit bis zu Stephen Kings Arena, kommt mir das folgende Zitat vom großartigen (und viele wundersame Kurzgeschichten verfasst habenden) Jorge Luis Borges gerade recht:
“Für mich ist auch die Literatur eine Form der Freude. Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert.”

 

Jorge Luis Borges

Jorge Luis Borges, QUELLE: Wikipedia

 

Genau, kann ich da nur sagen - und mit dieser Brille die oben genannten Autoren als zumindest in diesem Punkt gescheitert bezeichnen. Ehrlich gesagt verstehe ich einfach nicht, warum weder Schriftsteller noch Lektor nicht mehr Mühe auf ihre Texte verwenden: Zu viel unwichtige, selbstverliebte und schlichtweg langweilige Seiten verpatzen mir das Lesevergnügen. Natürlich kann man einwenden, dass auch Thomas Manns Zauberberg seine Längen hat - aber da konnte ich, so ich mich nicht zum überblättern entschied, wenigstens die Sprache genießen.

Deshalb mein Aufruf, mein Wunsch, meine innständige Bitte: Denkt bei jeder Zeile, die ihr schreibt, an den blinden Hüter der magischen Sprache, den mit 50 Jahren vollständig erblindeten argentinischen Meister Jorge Luis Borges (1899-1986)!

Und das zweite in der Überschrift versprochene Zitat von ihm? Ein berühmter Satz, der uns Bibliophilen warm und mysthisch aus der Seele spricht:
“Ich habe mir den Himmel immer wie eine große Bibliothek vorgestellt.”


Ein Zitat von Hemingway

18. August 2009

Quadratisch, drastisch, gut - hier mein Lieblingszitat vom Meister der kargen Sprache: “Der erste Entwurf ist immer scheiße.”
Tja, sehr viel gibt’s da nicht zu sagen, höchstens vielleicht: Dieser Mann hat recht.

Ernest Hemingway (1899-1961)

Ernest Hemingway (1899-1961)

Ich jedenfalls wundere mich immer wieder, wie schlecht manche meiner Rohtexte sind, wenn ich sie mir nach einer Pause wieder vornehme. Zwar bin ich zum Glück ebenfalls oft erstaunt, wie gut mir manche Sachen gelungen sind (uff!), aber Mängel finden sich immer. Immer. Immer. Den absoluten Text gibt es nicht; möglich ist nur eine Annäherung an ihn.

Ich bin ein großer Korrigierer vor dem Herrn, will sagen, die Manuskripte werden zehn- bis zwanzigmal korrigiert und verbessert. Und dennoch: Trage ich zum ersten Mal bei einer Lesung aus dem neusten Buch vor, stolpert meine Zunge früher oder später über einen Satz, ein Wort, ein Komma, über irgendetwas, das ich bei einer Neuauflage korrigieren würde.

Die Gefahr dabei ist klar: Perfektionismus, der ob seiner Manie, immer weiter und weiter zu verbessern, nie zum Ende kommt. Und das wäre schade. Ebenso bedauerlich ist allerdings, wenn Schreibrausch und Verliebtheit in den eigenen Text Veränderungen und Korrekturen verhindern. Denn: “Der erste Entwurf ist immer scheiße.”
Mal mehr, mal weniger.






 

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