Schreiben lernen (1): Humor

27. Oktober 2008

Es gibt viele Dinge, die man üben muss und kann auf dem Weg zum Schriftsteller-Gipfel. Welche Zwischenhügel man jeweils leichter nimmt, hängt von einem selber ab: Dialoge fand ich beispielsweise recht schwer, während andere überhaupt kein Problem damit hatten. Aber wurscht, lernen kann man alles: die Tricks etwa, die man zur Erzeugung von Spannung braucht, das Gespür zum Entwickeln seiner Charaktere, das Zuviel (oder Zuwenig) in beschreibender Prosa. Was in den einschlägigen Büchern zum Thema “Kreatives Schreiben” merkwürdiger Weise selten abgehandelt wird, das ist der Bereich Komik. Denn tatsächlich ist’s verdammt schwierig, witzig zu sein. Hier ein Beispiel aus Scharfe Kurven für Madame von 1966:
 

 
Humor hat irrsinnig viele Facetten; einige werden hier gezeigt: Da ist zum einen Louis de Funès selbst - die komische Figur, der Clown, der Possenreisser und Pantomime. Kurz gesagt, jemand, der andere zum Lachen bringt. Ob Stan Laurel, Charlie Chaplin, Fernandel, Otto oder Jerry Lewis - allein über Mimik und Gestik bringen sie zum Lachen. Für uns Schreiber heißt das: kann ich eine komische Figur in meinen Text einbauen? Brauche ich Sie? Funktioniert sie?
Der kleine Ausschnitt zeigt darüber hinaus erstens das Prinzip der Imitation: Nachahmung bishin zum Nachäffen ist komisch. Und im besten Fall - wie hier bei Louis de Funès - eine Imitation, bei der das Lachen leicht im Hals stecken bleibt. Ein zweites Prinzip: die Übertreibung. Witze funktionieren durch ihre Maßlosigkeit, mit der sie Alltägliches ins Groteske verzerren (etwa Blondinen, Ostfriesen und Mantas). Das lässt sich beim Schreiben gut nutzen. Eine dritte Humor-Technik findet sich ebenfalls: Ungewohntes kombinieren und dadurch neue Schichten und Sichten offenbar machen, die - komisch sind: Hier ist’s die Kombination von Kochrezept und Hitler-Rhetorik. Als viertes Prinzip schließlich soll noch der Moment der Überraschung angesprochen werden: Man wundert sich erst nur sacht, was da für komische Schatten in de Funès Gesicht flattern, bis die Verwandlung eintritt …

Für alle Schriftsteller besonders reizvoll ist natürlich der Sprachwitz. Klassiker stammen etwa von Ernst Jandl:

lichtung

manche meinen
lechts und rinks
könne man nicht velwechsern
werch ein illtum!

 

Ganz andere Klassiker, wie “zum Bleistift”, stammen von diesem Herrn:
 

 

Heinz Erhardts Technik ist einfach - er kombiniert alltägliche Sätze und Floskeln zu neuen Ausdrücken, wie hier das ironisierende “das macht sogut wie fast gar nichts”. Außerdem nutzt auch er die Prinzipien Übertreibung (der Berg muss natürlich der größte aller Berge sein) und Überraschung am Ende. Beide Prinzipien steigern sich gegenseitig: Die Schlusspointe wirkt um so stärker, je größer der Berg und sein Getöse.

Humor ist eines der menschlichen Grundgefühle überhaupt - Jesus hat bestimmt gerne Witze erzählt. Da leider keiner davon überliefert ist, hier eine Anekdote aus der Zeit um 480 v. Chr. Der ägyptische Pharao Xerxes I. drohte den Griechen vor einer Schlacht: “Ich habe so viele Bogenschützen, dass ihre Pfeile die Sonne verdunkeln werden!” Der Grieche Leonidas soll darauf geantwortet haben: “Umso besser – dann kämpfen wir im Schatten!”

Und das wäre ein Beispiel für ein weiteres Prinzip in der Kunst der Komik: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.


Literaturkalender

8. September 2008

Da in Kaufhäusern und Buchläden schon wieder Kalender (noch früher als sonst?) an das Jahr 2009 gemahnen, soll der heutige Tipp genau darauf zielen. Mit großer Freude begleitete mich nämlich Tag um Tag der - dezent im Bad postierte - Hardenberg-Literaturkalender:

Der Hardenberg-Literaturkalender 2008

Der Hardenberg-Literaturkalender 2008

Wer schreibt, der liest auch. Wer schreibt und nicht liest (einige Autoren sagen das von sich …) ist borniert oder dämlich - so einfach ist das. Und wer liest, der sucht nach Anregungen für frische Bücher. Neuerscheinungen werden durch die aktuellen Medien abgeglichen, aber woher nimmt man Klassiker, die man bis dato verpasst hat? Aus Literaturkalendern beispielsweise. Obwohl ich mich für einen recht belesenen Mensch halte, kenne ich von den im Hardenberg vorgestellten Schriftstellern mindestens ein sattes Drittel nicht. Erschreckend und herrlich zugleich! Außerdem ist das Ding abwechselnd gehalten: Autoren- und Buchporträts, Leseproben, Lieblinge von Buchhändlern und Autoren. Auf der Rückseite schöne, informative und erfreulich spoiler-arme Texte. Was will man mehr?
Nun, vielleicht einen größeren Kalender zum an die Wand hängen. Da sind meine zwei Favoriten der Wochenkalender von Aufbau (den man sich schon ob deren schwieriger Verlagssituation unterstützend zulegen sollte) …

Aufbau Literatur-Kalender 2009

Aufbau Literatur-Kalender 2009

 

… oder der Arche-Kalender, den ich ebenfalls immer sehr mochte (obwohl ich bei dem noch weniger der vorgestellten Autoren kannte):

Arche Literaturkalender 2009

Arche Literaturkalender 2009

 

Und wer dann noch nicht genug hat und einen gescheiten Taschenkalender sucht, dem sei der - mittlerweile in Zusammenarbeit mit Sandra Uschtrin erscheinende - 42er Autorenkalender empfohlen, der mir mit seinen Zitaten und Praxis-Texten ebenfalls seit Jahren viel Spaß macht:

Autorenkalender

Autorenkalender

 

Aber noch mal zurück zum Hardenberg-Tageskalender: Höchst spannend finde ich auch die immer wieder eingestreuten Buchcover - plötzlich erinnert man sich etwa, dass dtv über Jahrzente praktische nur einen Titel-Künstler beschäftigte (den großen Celestino Piatti).
Und just heute zeigte das Tagesblatt zwei Ausgaben nebeneinander: Kästners Fliegendes Klassenzimmer von 2006 und 1980. Obwohl die gleiche Illustration verwendet wurde, wirkt die 2006er Ausgabe netter und freundlicher - der düstere Hintergrund im oberen Teil wurde einfach weggeschnitten.
 
Und um vorzubeugen: Kästner kannte ich schon :-)


Welcher Autorentyp bin ich? (3)

18. April 2008

Teil 3: Karl May oder John Irving

In der kleinen Typologie der Schriftsteller zeigte ich bis jetzt die Paare Planer & Drauflosschreiber und Extrovertiert vs. Introvertiert. Heute geht es um zwei weitere Autoren-Möglichkeiten, die man bezeichnen könnte als Ausdenker und Recherchierer. Mein Lieblingsbeispiel für ersteren ist unser aller Winnetou-Held:

Karl May als Old Shatterhand
Karl May als Old Shatterhand

 
Der 1912 gestorbene Carl Friedrich May hat natürlich weder amerikanische Büffelherden noch die Wüsten des Orients besucht, auch wenn er genau das Gegenteil behauptete. Er hat nicht einmal groß recherchiert, sondern sich seine Helden und Schurken aus, wie man so schön sagt, den Fingern gesogen.

Ganz anders verfährt beispielsweise John Irving.

John Irving in Warschau (2004)
John Irving in Warschau (2004) Quelle: Wikipedia/Mariusz Kubik

 
Der großartigen Schöpfer von Büchern wie Garp oder wie er die Welt sah ist bekannt für seine Recherchierfreude - er hat nicht nur eigens dafür angestellte Mitarbeiter, sondern ist auch selbst sehr neugierig. In einem Interview mit der Zeit berichtet er etwa hier über seine Recherche bei Prostituierten in Amsterdam.

Mir steht Irving näher als May. Wenn ich über einen Ort schreibe, wie etwa die Lagunenstadt im Racheengel von Venedig muss ich ihn auch gesehen und erlebt haben. Internet und Bildbände helfen, aber die Nuancen schaffe ich nicht ohne eine Vor-Ort-Recherche: Vor allem was Geruch und Geschmack angeht, aber auch bestimmte Klänge kann ich nur so als Atmosphäre benutzen. Deshalb schreibt Stephen King sogerne über seine Heimat Maine oder Irving über New Hampshire, wo er 1942 geboren wurde.
Heute gehört eine gute Recherche ohnehin dazu, allerdings sollte man den Autorentypus à la Karl May nicht von vornerein verdonnern: Zum einen bewundere ich dessen großartige Fantasie, zum anderen kann es durchaus erholsam sein, beim Text einfach mal Draufloszuschreiben und sich einen Teufel um die Recherche zu kümmern. Denn die bietet auch Fußangeln: Beispielsweise werden die letzten Bücher von Michael Crichton wie Beute oder Welt in Angst von Fakten und Wissen komplett erdrückt. Verband er in seinen Klassikern wie Andromeda oder Jurassic Park noch auf grandiose Weise Fiction und Fact, so hatte ich bei den letzten Büchern den Eindruck, dass Crichton die Story selbst nicht mehr interessiert und nur noch lieblos runtergetippt wird.

Freud und Elend der Recherche - da freu’ ich mich eigentlich auf den nächsten Fantasy-Roman, den ich schreiben werde. Dort bleibt einem dieses Problem schon mal erspaart.






 

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