Schreiben lernen (3): Dialoge

24. März 2009

Über das Schreiben von Dialogen findet sich schon vieles und gutes im WeltWeitenWeb. Etwa auf der Seite schriftsteller-werden von Jacqueline Vellguth oder auf Sabine Cremers Homepage fiction-writing. Dort werden Regeln erklärt und Tipps gegeben. Auch die meisten Schreibbücher geizen nicht mit Hilfestellungen und Erklärungsmodellen, was denn nun einen guten Dialog ausmacht.
All das ist nicht nur sehr hilfreich und sogar essenziell - aber letzten Endes nicht das Wichtigste. Das Geheimnis eines guten Dialoges liegt nämlich in dem, was nicht gesagt wird. Ein Gespräch wird erst dann spannend, wenn die Worte selbst eine zweite, versteckte Ebene beinhalten, wenn wir zwischen den Zeilen lesen können und müssen. Sicher funktioniert ein Dialog auch rein zum Auflockern längerer Prosa-Passagen oder als Vermittler von Information. Aber ein Dialog, der verzaubert, sagt immer weniger als mehr. Die Worte lassen uns ahnen: Mensch, da steckt ja eigentlich was ganz anderes dahinter.

Illustrieren und beweisen soll diesen Gedanken wiederum eine Filmszene (man könnte diese kleine Abfolge eigentlich auch nenenn: “Schreiben lernen mit youtube”). Nicht nur irgendeine Szene - sondern vielleicht schlichtweg: die!

 

 

Schon genial, wie hier ungesagtes in den Worten (und, zugegeben, in der Mimik) eingefangen wird.
 
Also, schaut euch auf die Lippen, Schreiber!


Ein Tipp vom Meister

14. Januar 2009

Passend zum letzten Beitrag heute ein Schreibtipp direkt vom großen Meister - und wie könnte man auch sonst das neue Jahr besser beginnen :-)
Laut Eckermann ließ der 81-jährige Goethe im Februar 1831 das Manuskript zu seinem Faust II binden, “… damit es mir als eine sinnliche Masse vor Augen sei. Die Stelle des fehlenden vierten Aktes habe ich mit weißem Papier ausgefüllt, und es ist keine Frage, daß das Fertige anlocket und reizet, um das zu vollenden, was noch zu tun sei. Es liegt in solchen sinnlichen Dingen mehr als man denkt, und man muß dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hülfe kommen.”
Ich kann nur sagen: Dieser Trick funktioniert wirklich hervorragend. Wenn ich ein Manuskript fertig habe, lasse ich es eine Weile in der Schublade im Dunkeln, dann hol’ ich es raus, hefte es zusammen und schreibe den Namen eines von mir geschätzten Autors vorne drauf (je nachdem wer gerade passt). Und dann lese ich ein bisschen so, als hätte ein anderer meinen Roman geschrieben - denn es liegt in solchen sinnlichen Dingen mehr als man denkt, und man muß dem Geistigen mit allerlei Künsten zu Hülfe kommen …

J.W. Goethe (1749-1832) gemalt von Stieler

J.W. Goethe (1749-1832) gemalt von Joseph Karl Stieler (1828)


Schreiben lernen (2): Spannung

16. Dezember 2008

Ausgefeilte Charaktere, kritische Inhalte und Stilistik aus dem Olymp - alles geschenkt, wenn ich einen Pageturner nehme und nur eines möchte: Spannung.
Ähnlich wie beim Humor ist die Erzeugung auf dem untersten Level ziemlich einfach: So wie wir (warum auch immer) lachen, wenn jemand auf einer Bananenschale ausrutscht, so gibt es einige simple Tricks, die automatisch das Gefühl von Spannung hervorrufen:

1. Der begrenzte Ort. Immer wieder gerne genutzt: Je abgeschlossener ein Setting, desto spannender die Situtation, können die Helden doch nicht ohne weiteres flüchten. Ob ein Zug bei Mord im Orientexpress, eine einsame Insel bei Robinson Cruso, ob ein U-Boot in der Tiefsee bei Das Boot oder eingeschneite Gruselhäuser wie in Shining: Das abgegrenzte Terrain führt automatisch zu Spannung. Im folgenden Beispielschnipsel aus der Kinowelt ist der abgeschlossene Raum ein auf die Spitze, beziehungsweise auf die Höhe getriebener:

 

 

2. Die begrenzte Zeit. Auch dieses Modell funktioniert praktisch von alleine. Passend zum Beispiel eben könnte man auch hier wieder James Bond anführen - kaum ein 007-Streifen, in dem der Geheimagent nicht eine Bombe (eigentlich sollte er ja James Bomb heißen …) entschärfen müsste. Die allerdings immer - denn nur so gibt’s den besonderen Spannungs-Kick - mit einem Zeitzünder versehen ist. Der seinerseits freilich erst punktgenau eine Sekunde vor Ablauf gestoppt werden kann - et voilà: die Spannung. Das klappt natürlich nicht nur im Krimi-Genre, auch die Science-Fiction beispielsweise bediente sich schon früh dieses Kunstgriffs - hier die Schlussszene aus dem wegweisenden Andromeda - tödlicher Staub aus dem All von 1971:

 

 

Unzählige solcher Szenen haben wir schon gesehen oder gelesen - und trotzdem funktionieren sie immer noch. Erstaunlich eigentlich.
 
3. Der Kampf auf Leben um Tod Beide Film-Beispiele nutzten über die beschriebenen Techniken hinaus zusätzlich die Hauptquelle, das Grundmotiv von Spannung überhaupt: den Kampf ums Überleben. Das mag nach Krimi und Science-Fiction durch das Horror-Genre illustriert werden - vielleicht einer der besten Dracula-Schinken mit Christopher Lee aus dem Jahr 1968 endet folgendermaßen:

 

 

4. Der Einbruch des Unbekannten. Auch diese Technik funktioniert unfehlbar, fordert aber vom Autor mehr Mühe im Vorfeld. Denn will man den Einbruch des Übernatürlichen (in welcher Form auch immer) zeigen, muss man erst mal einige Zeit auf die Beschreibung des “Normalen” verwenden. Großmeister dieser Technik ist sicherlich Stephen King, aber auch viele klassische Fantasy-Romane sind nach diesem Spannungs-Muster aufgebaut:

 

 

Erst durch den Einbruch von Zauber und Magie in den schönden Harry-Potter-Alltag wächst die Spannung. Und so wie der Unglauben in Mister Potters Augen funkelt, so fragen auch wir uns: Wow, was wird passieren?
Natürlich muss es nicht immer Fantasy sein. Ein radikaler Wechsel der gewohnten Umgebung (beispielsweise in Jenseits von Afrika) führt ebenso zur Neugier auf die Geschichte wie der unverhoffte Wandel des sozialen Status - Eschbachs Eine Billionen Dollar funktioniert da mit demselben Trick wie Der kleine Lord. Ein besonders gelungenes Beispiel mit einer wahrlich rasanten Spannungskurve war für mich folgender Film:

 

 

The Game mit Michael Douglas in der Hauptrolle zeigt wirklich sehr schön: Zusammen mit dem Unerwarteten, Mystischen oder einfach nur Unerklärlichen bricht auch sofort und automatisch Spannung in die Geschichte.

Diese vier Grundtechniken und -motive mögen genügen - sie funktionieren wie Schalter: So wie Kinder Hunde streicheln wollen, so bekommen wir durch diese Settings ein Gefühl von Spannung.

Wie setzt man Spannung im Schreiben um?
Auch da gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten. Einfach, beliebt und wirkungsvoll ist etwa der Cliffhanger: Im spannendsten Moment wechselt der Autor gemeinerweise die Szene und macht bei einem anderen Erzählstrang weiter.
Wichtig ist auch die gezielte Verteilung von Information: Der Autor zeigt dem Leser etwa den Mörder, wie er den Helden des Buches, sein nächstes Opfer, observiert. Natürlich weiß der Protagonist nichts davon - wir Leser aber schon. Eine gezielt verwendete Information, die die Spannung gehörig steigert. Das Zurückhalten von Information führt interessanterweise zum gleichen Effekt, oder zumindest zu dem, was Hitchcock “Suspense” nannte: eine schwebende, unheimliche Ungewissheit. Geschichten wie The Game leben genau davon: ein, zwei Informationen erst ganz zum Schluss preiszugeben.
Wichtig für den Aufbau von Spannung sind außerdem die - so oft herbeizitierten, so schwer zu machenden - unerwarteten Wendungen. Wir alle wollen überrascht werden und nicht vorhersehbare Entwicklungen nachlesen.
Schließlich ist Spannung auch rein über die Sprache möglich: Über den Wechsel unterschiedlicher Stilmittel. Eine Geschichte bekommt wesentlich mehr Tempo und Spannung, wenn sich nicht nur Action-Szenen und ruhige Kuss-Nummern abwechseln, sondern auch Dialog und Beschreibung, kurze Sätze und lange - kurz, ein Rhythmus in der Sprache, der sich dem Inhalt anpasst (je actionreicher, desto schneller, abgehackter, hektischer).

Zum Schluss noch ein Wort: Es gibt einfache Gewürze, die eben nach Spannung schmecken - von ihnen habe ich hier ein paar aus meiner Küche geholt und vorgestellt. Wirklich “spannend” wird es in Literatur und Kunst aber erst dann, wenn die Neugier und Suspense aus dem Innern des Charakters her erwächst. Aus dem Ziel, aus der Sehnsucht, die jede Figur in sich trägt und die weder mit James Bond noch mit Star Trek etwas zu tun haben muss. Die nächste Stufe der Spannung sozusagen …






 

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