Schreibwerkzeug Google Earth

7. März 2010

Man mag ja über die Monopol-Stellung von Google denken wie man will - viele der Applikationen sind beeindruckend hilfreich. Mein Lieblingstool ist Google Earth, das ich heute als Werkzeug für Autoren vorstellen möchte.
Wer das Programm noch nicht kennt: Google Earth erfasst Satellitenbilder und fügt sie zu einem virtuellen Globus zusammen. Von weitem sieht das dann so aus:

alle Bildrechte: Google Earth

Per Mausrad zoomt man tiefer hinein, beispielsweise Richtung Europa:

Mein letztes Buch, der historische Roman “Pilgerweg durch die Hölle”, beginnt im südfranzösischen Toulouse. Um den schriftstellerischen Nutzen von Google Earth zu demonstrieren, nähern wir uns beispielhaft dieser Stadt - dafür genügt die Eingabe des gesuchten Ortes oben links. Den “Anflug” auf das gewählte Objekt kann man unterbrechen - beamen wir uns stückweise an die Erdoberfläche heran, bis zwischen Mittelmeer und Atlantik der Gebirgszug der Pyrenäen erkennbar wird …

… und abermals tiefer, bis man Toulouse erahnen kann, durchschnitten vom Flusslauf der Garonne:

Ein weiteres Drehen am Mausrad und wir schweben über der Stadt. Deutlich erkennt man die alten Grenzmauern und Kanäle - ich habe einen gelben Kreis darum gezogen. So lässt sich bereits mit einem Blick feststellen, wie groß die Stadt im Mittelalter wohl gewesen sein mag:

Noch ein bisschen tiefer sieht das so aus:

Ganz oben am Rand (gelb markiert) erscheint eine Kirche, die leicht zentriert werden kann. Gleichzeitig geht’s noch ein Stück hinab:

Es handelt sich um eines der Wahrzeichen der “ville rose”, wie Toulouse ob seiner roten Steinhäuser genannt wird: die im 12. Jahrhundert erbaute Basilika Saint-Sernin. Mein Roman führte auch in diese Kirche - und deshalb auch meine Recherche. Zoomen wir ein letztes Mal näher heran:

Das ist so ziemlich die maximale Auflösung - geht man noch tiefer, wird das Bild verwaschen körnig.

Ich kenne Toulouse und auch diese Kirche, insofern war mein virtueller Ausflug nur einer, um meine Erinnerung aufzufrischen. Aber manchmal schreibt man eben auch über fremde, unbekannte Orte - dann helfen solche Bilder oder die im folgenden erklärten Gimmicks von Google Earth enorm weiter. Beispielsweise gibt es in der Leiste links die Option “3D-Gebäude” (gelb markiert), mit der zumindest die wichtigsten Bauten einer Stadt modellhaft in drei Dimensionen dargestellt werden - auch die Kirche Saint-Sernin:

Und schon hat der tastenhungrige Schriftsteller eine Idee, wie diese Kirche “wirklich” aussieht. Aber es geht noch realistischer: Nutzt man die Option “Panoramio” im Ordner “Geografie im Web”, so füllt sich das Satellitenbild mit blauen Quadraten - Fotografien, die von Besuchern im Netz eingebunden wurden. Klickt man eines an, bekommt man ein authentisches Foto des zu beschreibenden Ortes:

Die Informationsflut ist wahrlich beeindruckend, denn natürlich kann man sich nicht nur Fotos, sondern auch Straßennamen, Cafés, Krankenhäuser et cetera einblenden lassen. Nützlich ist etwa auch die Option “360Cities”, die beim Anklicken ein 360-Grad-Panorama öffnet - plötzlich steht man “in” Saint-Sernin und kann sich um die eigene Achse drehen. Fast schon als unheimlich empfinde ich “street view”: Wählt man diesen Punkt der Navigationsleiste, wimmelt es auf dem Bild plötzlich vor kleinen, schwarzen Kameras:

Klickt man auf eine dieser Kameras, öffnet sich ein Schnappschuss genau dieses Ortes - mit Blick auf weitere, wiederum anklickbare Kamerasymbole (gelbe Kreise). Folgt man ihnen, kann man tatsächlich einen kompletten Rundgang um die Kirche machen!

Was hätte beispielsweise Karl May für solch eine Möglichkeit gegeben …

Wem das aber immer noch nicht reicht, kann schließlich den Reiter “youtube” auswählen. Dann werden bei youtube veröffentlichte Filme sichtbar, die etwa Innenaufnahmen der Kirche Saint-Sernin zeigen (das Video selbst habe ich nicht eingebunden):

Von den restlichen Möglichkeiten bei Google Earth möchte ich schließlich noch auf das so einfache, wie nützliche Tool “Lineal” hinweisen (an der oberen Leiste einzuschalten). Pilgerweg durch die Hölle spielt auf dem “Camino” nach Santiago de Compostela. Per Satellitenbild konnte ich die Tour meiner Helden planen und berrechnen - wie weit kommt man per pedes oder zu Pferd an einem Tag? Man lege das virtuelle Lineal an und messe die Distanz zweier Punkte - hier die Entfernung von Toulouse bis in die Pyrenäen:

Fazit: Google Earth ist ein äußerst mächtiges Hilfsmittel für jeden Schreiberling - und lässt trotzdem noch Platz genug für die Fantasie :-)


Schreiben lernen (5): Der Held oder: Was haben Harry Potter, Batman und Hamlet gemeinsam?

14. Januar 2010

Diese durchaus ernst gemeinte Frage soll ins Reich der Protagonisten, Hauptcharaktere oder - wie man früher so schön sagte - der Helden einer Geschichte führen. Worin liegt also der gemeinsame Nenner dieser drei? Nun, die Eltern starben, genauer, sie wurden ermordet (bei Hamlet zumindest der Vater). Bruce Wayne alias Batman verwandelte sich deshalb in den alptraumgeplagten Dunklen Ritter, Mister Potter trägt zusätzlich zur Last der Erinnerung eine weiße Blitznarbe auf der Stirn und Hamlet, nun, der ist trotz aller Gemeinsamkeiten eine Klasse für sich - da psychologisiere ich lieber nicht rum.

Alle drei könnte man in die Kategorie des “gebrochenen Helden” stopfen: Die Figur fühlt sich gequält von üblen Erinnerungen und seelische Nöten.
Diese Ausgangslage (beliebt ist auch der plötzliche Tod der/des Geliebten) führt beim Leser natürlich zu einer sofortigen Identifikation. Der arme Kerl, denken wir, und schon hat uns der Autor gepackt: Wir fiebern mit.
Aus diesem Grund wird in diversen Schreibbüchern immer wieder empfohlen, die Hauptfigur als gebrochen zu entwerfen, als verletzt und verzweifelt.

Aber stimmt das überhaupt? Was ist beispielsweise mit diesem Herren hier:

 

 

Frodo Beutlin aus Tolkiens Herr der Ringe ist der Inbegriff eines nichtssagenden Helden. Er ist glatt (insofern passt der Schauspieler wunderbar), naiv, ein bisschen träge (aber nicht faul), mutig (aber nur wie jeder andere auch), lustig (aber nicht zu sehr) und langweilig (aber … nichts aber)! Gebrochen ist er jedenfalls nicht, Sorgen und Qual liegen bei ihm nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft.

Ein anderes Beispiel (das Video von youtube band ich nur nostalgisch sinnend ob der Musik ein, hach …):

 

 

Old Shatterhand ist - anders als Frodo - mitnichten ein Normalo. Er kann schießen wie sonst keiner, besitzt eine Schmetterfaust ohnegleichen, ist moralisch integrer als Barack Obama - und sieht noch dazu super aus. Ein Gegenentwurf also zu dem freundlichen Hobbit, aber ebenfalls keine gebrochene Figur, sondern eher aus der Kategorie Supermann. Und auch Winnetou bekommt erst in jenem Moment schärfere Charakter-Konturen, als seine Schwester stirbt (natürlich wieder ein Mord).

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Frodo und Shatterhand, spannt sich die Gruppe der ungebrochenen Helden. Ob Bella aus Twighlight, Hans Castorp aus Thomas Manns Zauberberg, ob Indiana Jones, Melvilles Ishmael aus Moby Dick oder Uwe Tellkamps jugendlicher Turm-Protagonist Christian Hoffmann: Alles eigentlich langweilige, stinknormale Figuren. Ohne Mord in der Erinnerung, ohne Rasierklingen an den Pulsschlagadern, ohne Whiskey in der Kehle.

Was will der Fabulaliterator damit sagen?
Haltet euch nicht zu lange mit der Charakter-Genese auf. Ihr müsst - wie die weltberühmten Beispiele zeigen - keineswegs außergewöhnliche, komplex auspsychologisierte Helden haben. Absolut unabdingbar dagegen ist etwas ganz anderes: die Story. Natürlich muss und wird sich der Protagonist im Lauf der Geschichte entwickeln. Aber die Ausgangslage dafür - glaube ich - ist ziemlich egal. Einerseits ist ein anfangs schon von Schuld und Sühne geplagter Held natürlich einfacher zu händeln (weil die Sympathie für ihn sofort da ist), andererseits muss man ganz schön aufpassen, nicht in die üblichen Klischee-Häufchen zu treten (Kommissar als Alkoholiker et cetera). Natürlich gibt es Ausnahmen: Ein seltenes Beispiel, in dem der “gebrochene Held” sozusagen selbst die Grundlage der Geschichte bildet, ist etwa Don Quijote von Cervantes.

Ich hoffe, Ihr seid gut ins neue Jahrzehnt gewechselt! Ein wundervolles 2010 voller wundervoller Protagonisten, Hauptdarsteller und Helden wünscht

Euer

Jonas Torsten Krüger


Schreiben lernen (4): Spielen

4. Juli 2009

Ich habe bereits hier einmal über den Zusammenhang zwischen Schreiben und Spielen fabulaliterarisiert. Dieses Thema packte mich jüngst wieder einmal, als ich folgendes Video entdeckte:

 

 

Ist das nicht großartig? Macht das nicht alle Diskussionen des 19. Jahrhunderts, die sich mit der Frage, was Menschen von Tieren unterscheide (unter anderem auch das Spielen), hinfällig? Am meisten berührte mich an diesem kleinen Film dreierlei:
1. Die ausgefeilte Technik: offensichtlich spielt der Delfin nicht zum ersten Mal mit Ringen aus Luft - er hat geübt!
2. Die Abstufungen im Spiel: Erst erschafft das Tier einen großen Ring, drückt ihn per Wasserverdrängung vorwärts und stuppst ihn dann mit der Nase an, so dass ein kleinerer Ring entsteht. Genial.
3. Der Spaß dabei: In einer Aufnahme “frisst” der Delfin den Ring auf - ich könnte schwören, dass er sich dabei köstlich amüsiert.

Was hat das mit dem Schreiben zu tun? Ich finde, eine ganze Menge. Wie beginnen wir mit einem Text? Oft genug mit einem Brainstorming-Verfahren wie Mindmap oder Clustering - das ist “Spiel mit Worten” in Reinkultur. Als literarische Form weiterentwickelt, nutzten Dadaisten von Hans Arp bis André Breton das Automatische Schreiben - ein rein spielerisches Drauflosschreiben, das die Künstler natürlich mit dem Ausbruch des Unterbewussten in den Text hinein erklärten. Aber was ist Écriture automatique? Ein Spiel.
Und auch wenn wir eine Erzählung oder einen Roman entwerfen, “spielen” wir: Der Protagonist wird mal in diese kritische Situation gesteckt, mal in jene; wir testen aus, ob er Angst vor Schlangen hat (wie Indiana Jones) oder vor schwindelmachender Höhe (wie in Hitchchocks Vertigo). Wir spielen. Aber - und das zeigt der Delfin ebenso - auch das Spielen will geübt sein. Das wissen Pianisten natürlich ohnehin, aber auch der Schreiber kapiert’s irgendwann: Spiele haben Regeln. Und Spiele erfordern Kennen und Können. Also üben wir.

Hier ein Beispiel auf Mensch und Künstler übertragen:

 

 

Auch dieser Ausschnitt aus Paul Haesaerts Film Ein Besuch bei Picasso aus dem Jahr 1950 zeigt: Pablo Picasso spielt. Das sieht man darin, wie er einzelne Blütenblätter mit dem Finger “auswischt”, wie er durch die Glasplatte hindurch zur Kamera blickt oder die großartige Frauenfigur des letzten Bildes von unten nach oben entwickelt - anfangs denkt man: da malt er wieder Blumen. Aber natürlich gilt auch für Picasso: Er kann nur so virtuos auf dem Pinsel spielen, weil er ähnliche Motive vorher hunderte Male “geübt” hat (na ja, vielleicht auch nicht: Picasso war halt ein Genie).

Jedenfalls: Vergesst nie die Macht und die Kreativität des Spielerischen, weder im Leben noch im Schreiben. Übertreiben sollte man es aber auch nicht, sonst geht es einem so wie Bill Mitchell. Von ihm sind die Worte überliefert: “Jetzt muß ich dieses verdammte Spiel nie wieder anrühren.” Das sagte er, als er es 19 Jahre nach der Erfindung des Spiels als erster Mensch der Welt geschafft hatte, alle 256 Level von Pac-Man durchzuspielen …






 

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