Leser (3): Neulich in Lissabon

24. September 2009

Heute in meiner kleinen Reihe von “Lesern in der Kunst” einer, der in seinem Tun gestört wird:

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus (1521)

Albrecht Dürer: Der heilige Hieronymus (1521)

Wie ein beiläufiger Schnappschuss wirkt dieses Bild. Der bärtige Heilige - eben noch, mit auf der Hand gestützter Stirn, in seine Lektüre vertieft - schaut unwillig zum Störenfried hoch, der vielleicht fragte: “Hey, was soll das alles?” Und Hieronymus, Schutzpatron der Übersetzer, guckt rätselhaft und deutet als schweigende Antwort auf den Schädel. Sagen tut er nix.

Erschaffen hat dieses Gemälde der 50-jährige Albrecht Dürer, sieben Jahre vor seinem Tod. Hier drei nebeneinander gestellte Selbstporträts von ihm aus den Jahren 1511 (Landauer Altar), 1506 (Rosenkranzfest) und eine Zeichnung von 1503:

Albrecht Dürer x 3

Albrecht Dürer x 3

Ich bin ein großer Dürer-Fan unter der Sonne: Dieser Mann hat die bildende Kunst nördlich der Alpen revolutioniert und besonders - was schon dieser Vergleich dreier Selbsbildnisse zeigt - in der Grafik einen komplett neuen Kosmos geschaffen. Düreres Gemälde sind von delikater Qualität aber stellenweise, nun ja, langweilig. Seine Zeichnungen und Drucke dagegen empfinde ich als absolut großartig und stets spannend. So habe ich am Anfang dieses Blog-Eintrags auch den gemalten Hieronymus aus dem Museu Nacional de Arte Antiga in Lissabon eigentlich nur vorgestellt, damit ich dieses Blatt zeigen kann:

Gehäus

Hieronymus im Gehäus (1514, Kupferstich)

Diese Grafik - zusammen mit Melancholia I und Ritter, Tod und Teufel zu den drei Meisterstichen Dürers gehörend - gefällt mir ob ihrer grandiosen Kraft um einiges besser als der gemalte Hieronymus. Mein kleines Problem dabei war: Der Mann liest halt nicht, er schreibt - und diese Blog-Reihe nennt sich nun mal “Leser”. Aber den Druck als Vergleich heranzuziehen - das ist legitim.

Hieronymus im Gehäus - ein erstaunliches Bild. Wirkt der gemalte Heilige wie ein Schnappschuss, erinnert der Kupferstich an eine Schwarzweißfotografie: Tür auf, und ein Blick ins vollgestopfte Zimmer - vom Kürbis am Türsturz bis zum an der Hinterwand aufgehängten Kardinalshut. Das Stundenglas daneben. Löwe, Hund und - abermals - ein Totenschädel. Das Sonnenlicht, gefiltert durch die Butzenscheiben. Großartig, wie Dürer hier die Grauschattierungen vornimmt - ein völliges Novum in seiner Zeit und Zunft. Der Nürnberger Künstler führte einen “grafischen Mittelton” ein, eine Stufenfolge von Weiß bis Schwarz, die er in feinsten Nuancen nutzt. Und wo setzt er das Weiß in seiner Reinkultur ein? An einer einzigen Stelle, die natürlich die zentrale ist: am Heiligenschein. Auf diese Art kann Dürer seinen Protagonisten ruhig hinten ins Gerümpel setzen - der Kranz um seinen Kopf leuchtet.

Hieronymus im Gehäus steht als kleine Kopie auf meinen Schreibtisch. Während ich meine Geschichten tippe, setzt er ruhige Federstriche und überträgt die Bibel - ein Buch, das zumindest große Geschichten erzählt. Hieronymus ist für mich der Innbegriff der vita contemplativa, eines Lebens, das sich der ruhigen, geistigen Arbeit widmet. Die andere Möglichkeit - die vita activa - stellt Dürer in Ritter, Tod und Teufel vor. Aber das ist eine andere Geschichte. Und dort liest auch niemand.
Oder schreibt.


Leser (2): Neulich in Frankfurt

5. Mai 2009

Ich komme aus der Goethe-Stadt am Main. Mein erstes Museum war das naturkundliche Senckenberg mit Dinosauriern und Mineralien, mein zweites das Städel - mit Bildern. Eines davon, das ich lange Zeit als zu süßlich empfand, schaute ich mir neulich wieder einmal an: Renoirs Lesendes Mädchen:
 

Pierre-Auguste Renoir: Lesendes Mädchen
Pierre-Auguste Renoir: Lesendes Mädchen

 
Und ich verliebte mich ein bisschen. Wahrscheinlich lag’s an der passenden sommerlichen Frühlingsstimmung, an Sonnenlicht und Blumenfarben. Auf jeden Fall lag es abermals an der faszinierenden Intimität dieser zwei Welten: Mensch und Buch. Das Mädchen liest nicht, so scheint mir, sondern blättert eher durch das schmale Bändchen oder schaut sich die Abbildungen an. Aber ihre Augen strahlen auf, ihr Mund ist leicht geöffnet - sie hat etwas gefunden, gesehen, entdeckt. Das Buch als Schatzkiste sozusagen.
Das Bild stammt aus dem Jahr 1886: Renoir ging auf die 46 zu, steckte in einer Schaffenskrise und setzte sich mit der Kunst Raffaels und Ingres auseinander. Seine nachimpressionistische Phase nennt man das, obwohl gerade dieses Bild wenig davon ahnen lässt. Deutlicher wird sein neuer Stil in zwei Bildern, die drei Jahre später entstanden: Die Lektüre
 

Pierre-Auguste Renoir: Die Lektüre
Pierre-Auguste Renoir: Die Lektüre

 

… und Die zwei Schwestern:

 

Pierre-Auguste Renoir: Die zwei Schwestern
Pierre-Auguste Renoir: Die zwei Schwestern

 
Beide zeigen das sonst eher seltene Thema “Lesen zu zweit”: in der Lektüre nur angedeutet - da wird kein Buch, sondern eine Zeitschrift gelesen und die Schwester wirft nur im Vorbeigehen einen Blick über die Schulter -, bei den Zwei Schwestern explizit. Denn dort gibt’s ein richtiges Buch und ein echtes Teilen: mit den Augen, mit den Händen und offensichtlich auch in ihren Gefühlen.
Tja, wie sagte Somerset Maugham? “Kein Lesen ist der Mühe wert, wenn es nicht unterhält.” Allein oder zu zweit.


Leser (1): Neulich in Florenz

18. Februar 2009

Bilder von Lesern – ich liebe sie. Das Zusammentreffen von Mensch und Buch ist einer der intimsten Momente überhaupt, eine Liebesbeziehung der ganz besonderen Art. Was liegt da näher, als hier in loser Folge einige meiner Lieblings-Leser aus Kunst und Alltag vorzustellen?
Den Anfang macht ein Detail aus dem vielfigurigen Fresko des Italieners Andrea da Firenze, auch Andrea di Bonaiuto genannt. Man findet dieses Wandbild im Kreuzgang der Kirche Santa Maria Novella in Florenz (der Eingang liegt links neben dem Kirchenportal), genauer in der Cappellone degli Spagnoli – der spanischen Kapelle. Ausgemalt wurde sie um 1365, allerdings weiß man nicht wirklich viel darüber. Giorgio Vasari, Vater der Kunstgeschichte, schrieb die Fresken beispielsweise Simone Martini und Taddeo Gaddi zu, andere nannten als Autor Orcagna. Da hat’s offensichtlich einiges an Kunsthistorikern gebraucht, um den richtigen Maler ausfindig zu machen. Aber auch von Herrn Andrea da Firenze ist wenig bekannt: In sein Œuvre fällt noch der Camposanto in Pisa – und das war’s dann auch schon so ziemlich.
Aber egal. Hier also der frühe Leser aus dem 14. Jahrhhundert:
 

der Leser von Andrea da Firenze
der Leser von Andrea da Firenze

 
Ist er nicht herrlich, dieser Leser? Um ihn herum wird gebetet, diskutiert und gelebt – er aber, versunken in sein Buch, bekommt nichts mit von alledem. Er liest. Schon seine Haltung verrät den Mann: Alle anderen schauen nach rechts, meist im Profil; sie stehen oder knien. Der Leser aber hockt zusammengekauert frontal im Fresko. Er liest. Er brütet. Er ist völlig weg. Die Schultern hochgezogen, der Kopf gebeugt, die Augen im Text versunken. Sogar die Fußzehen scheinen sich ob der lesenden Konzentration anzuspannen. Und dann die Finger der rechten Hand: Wunderschön beobachtet von Andrea da Firenze, wie sich der Zeigefinger träumend, denkend, lesend zwischen die Lippen presst.
Ein großartiges Bild. Wenn ich es anschaue, denke ich immer an ein Zitat von Hermann Hesse zu diesem Thema: “Es ist mit dem Lesen wie mit jedem anderen Genusse: er wird stets desto tiefer und nachhaltiger sein, je inniger und liebevoller wir uns ihm hingeben.”

Genau.






 

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