Nach der Manuskriptabgabe: Das lange Warten des Autors

11. Juni 2010

Hat der Schriftsteller nach Wochen, Monaten oder auch Jahren sein Buch vollendet, überarbeitet und zum Verlag geschickt, beginnt eine Wartezeit der besonderen Art. Sie beträgt, wenn alles gut läuft, fünf bis sechs Monate. Läuft es nicht so gut, wird der Titel ins nächste (oder übernächste) Herbst/Frühjahrs-Programm verschoben. Was passiert in dieser Zwischenzeit? Wie funktioniert die Arbeit am Buch, hinter den Kulissen des Verlages?

Das Lektorat
Mein neues Manuskript beendete ich im Dezember 2009, ein Buch für junggebliebene Leser jeden Alters, das in Barcelona spielt. Anfang Januar 2010 schickte ich die Datei per E-Mail (ein Hoch auf die Technik - ich kann mich noch dunkel an die Zeiten erinnern, als man das Manuskript in Form eines fetten, kostspieligen Stapels zur Post brachte) an jene Lektorin des Ueberreuter-Verlages, die eben auch Jonas Torsten Krüger betreut: die großartige Joanna Storm. Hier beginnt für mich immer der unangenehmste Teil der Warterei: Schließlich harre ich der professionellen Kritik, dem verlegerischen Urteil. Und egal wie vielen Freunden, Verwandten oder Geliebten man den Text auch zum Probelesen gegeben haben mag - ihr erlösendes “Hat-mir-gut-gefallen” ist jedesmal eine große Erleichterung. Auf diese erste Sichtung folgt das komplette Lektrorat. Je nach Belastung (ja, es stimmt wirklich, dass Lektoren in Manuskripten ertrinken!) direkt im Verlag oder, wie just bei meiner Barcelona-Story, als Außenlektorat. Was mir in diesem Fall keine grauen Haare bescherte, hatte ich doch mit der wunderbaren Gudrun Likar schon bei anderen Projekten bestens zusammengearbeitet. Sie fand nicht nur die sprachlichen und inhaltlichen Fehler, sondern bügelte auch unnötige Wortwiederholungen, Stilblüten und allzu wacklige Metaphern aus dem Text (wie immer tausend Dank, Gudrun!). Per Telefon gingen wir die gesamten 250 Seiten durch und diskutierten unklare Passagen oder offene Fragen. Im Anschluss lektorierte sie das Manuskript und mailte mir ihre Korrekturen und Vorschläge schließlich zu. Das sah dann so aus:

lektorierte Manuskriptfassung

lektorierte Manuskriptfassung

 

Über die praktische Word-Funktion “Änderungen nachverfolgen” (ein Hoch auf die Technik, Teil 2) konnte ich nun jeden Texteingriff verfolgen und (was nur selten vorkam) wieder rückgängig machen oder eine neue Alternative anbieten. Damit war der größte Brocken geschafft. Aber das Warten ging weiter.

Titel und Cover
Die Diskussion um den Buchtitel beginnt eigentlich schon bei Vertragsabschluss - immerhin liegt dann nicht nur bereits ein Exposé vor, sondern auch ein Arbeitstitel. Eifrig überlegt wurde aber erst im Februar und März. Vorschläge waren etwa “Kolumbus’ Erbe”, “Schatten über Barcelona” oder “Avis Traum”. Diesmal konnten wir uns schnell auf “Das Orkel von Barcelona” einigen - die letztendliche Entscheidung treffe aber nicht ich, sondern das Team aus Lektoren und Programmleiter.
Ebensowenig kann ich das Cover bestimmen. Auch da zählt meine Stimme nur als eine von vielen, aber auch in diesem Punkt fand sich rasch ein begeisterter Konsens (das ist nicht immer so …):

 

Das Cover

Das Cover



U4-Text und Vorsatzblatt

Der nächste Punkt auf der Liste: Der Klappentext. Im Fachjargon wird dieser Buchteil U4 genannt - U(mschlag)1 ist die Titelseite, U2 der innere Buchdeckel (Vorsatz), U3 die Rückseite Innen und U4 der Buchrücken. Neben dem Cover ist der Klappentext sicher der wichtigste Angelhaken, an dem wir Lesefische anbeißen. Insofern wird er eifrig überarbeitet und besprochen - meist kommt dann eine Kombination des Lektors und Autors dabei heraus.
Und auch das Vorsatzblatt (U2) harrte seiner künstlerischen Gestaltung: Nach kurzer Diskussion setzt sich mein Wunsch nach einer Landkarte, einem Stadtplan von Barcelona durch, auf dem die wichtigsten Schauplätze der Geschichte gezeigt werden:

Vorsatz mit Stadtplan von Barcelona

Vorsatz mit Stadtplan von Barcelona

Ganz glücklich bin ich nicht mit der sehr abstrahierten, technisch wirkenden Form, freue mich aber doch sehr: Ich liebe Landkarten in Büchern :-)


Die Druckfahnen

Das Lektorat war währenddessen nicht untätig. Gudrun Likar arbeitete meine Fassung ein und übergab das Manuskript einem letzten Korrekturleser, eben deshalb “Korrektor” genannt. Hier werden die (hoffentlich) letzten Fehler ausgemerzt und das Ganze anschließend zum Layouter und Drucker gebracht. Ende März bekomme ich die Druckfahnen zugeschickt - das sieht aus wie Kopien eines Buches:

Die Druckfahnen

Die Druckfahnen

Auf diesen Seiten lese ich mein Buch zum letzten Mal vor der Veröffentlichung. Der Augenmerk liegt dabei auf den sich immer wieder einschleichenden Druckfehlerteufelchen; die schwierigste Aufgabe ist das gelegentliche Kürzen, wenn der Zeilenumbruch nicht stimmt. So geschehen hier auf Seite 51 ganz unten, dort wo +1 steht. Diese Zeile ist zuviel, so dass irgendwo auf der Seite gekürzt werden muss. Manchmal eine schwierige Entscheidung …


Vertreterkonferenz, Programmvorschau und dann endlich …

Im April findet die Vertretertagung statt. Dort wird das neue Programm vorgestellt, unter anderem mein Barcelona-Titel. Vertreter sind eine eigene Macht im Geflecht der Bücher und Verlage, denn sie sind es, die durch ihre tägliche Arbeit wissen, was sich verkauft. So ist meine Freude immer groß, wenn ich von ihnen ein positives Feedback bekomme.
Ende Mai wurde mir dann das neue Verlagsprogramm zugechickt, und ich blätterte mich neugierig durch die Neuerscheinungen bis zu meiner eigenen Werbeseite.
Und gestern hatte es endlich ein Ende, das lange Warten des Autors nach der Manuskriptabgabe:

Die Belegexemplare

Endlich: die Belegexemplare

So. Jetzt fehlt nur noch der Erscheinungstermin einen Monat später. Und vielleicht der Klick hierhin.

Viel Spaß!


Schnee in Literatur und Kunst

22. Dezember 2009

Noch schnell ein weihnachtlicher, sozusagen in letzter 2009-Minute geschriebener Blogeintrag. Und natürlich passend zum kältewellenden Thema …
Denke ich an meine gelesenen Schneeerfahrungen zurück, so fallen mir (neben Høegs Fräulein Smillas Gespür für Schnee) vor allem Märchen ein von Rilke und den Grimms, aber auch Jack Londons Wolfsblut. Bei längerem Nachdenken fand ich natürlich auch zu folgender Passage:

“(… ) Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beidem, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf als auf Parkett - genau so leicht und angenehm wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.”

Thomas Mann war es, der 1924 im berühmten Schneekapitel des Zauberberg diese interessante Beobachtung anstellte.
Noch früher wurden folgende Zeilen geschrieben:

“(…) Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon darlegende Decke nieder. (…) Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.”

Aus Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall von 1845 stammt diese Beschreibung, die vor allem auf den Hörsinn bezug nimmt - ich meine jenes (durch den veränderten Luftdruck entstehende) faszinierende Phänomen, dass eine Schneedecke tatsächlich Klang und Schall dämmt und uns eine verzauberte Form von Stille nahebringt. Wer diese romantisch-berührende Weihnachtsgeschichte noch nicht kennt, kann sie online im “Projekt Gutenberg” nachlesen. Oder noch besser gleich ein Bändchen mit Stifter-Novellen kaufen :-)

Und noch ein dritter literarischer Stiefelschritt durch Schnee und Eis sei hier zitiert:

“(…) Einmal, nachdem die armen Zugtiere mich mit unglaublicher Anstrengung auf den Gipfel eines steilen Eisberges hinaufgeschleppt hatten, wobei eines davon unter der Überanstrengung zusammenbrach und verstarb, wollte die unermeßlich vor mir sich dehnende Weite mich schon mit Angst erfüllen, als ich urplötzlich eines dunklen Flecks inmitten der verdämmernden Ebene ansichtig ward.”

Mary Shellys 1818 (anonym) veröffentlichter Doktor Frankenstein spricht hier, der seinem melancholisch-mordenden Geschöpf bis zum Nordpol folgte - ein guter Platz übrigens für einen Showdown :-)

Shelly beschreibt den “dunklen Fleck” im Weiß, jene Mensch, Haus, Monster, durch die der Schnee erst greifbar und verstehbar wird. In der bildenden Kunst ist’s oft ein Baum, der das Phänomen Schnee erlebbar macht. Hier Beispiele meiner beiden liebsten Baum-im-Schnee-Maler:

Bäume im Schnee (Details)

Bäume im Schnee (Details)

Pieter Brueghel d.Ä., Bauernbrueghel genannt, und (einfacher zu erkennen) Caspar David Friedrich zeigen hier die Welt bei Schnee und Eis - auf die denkbar unterschiedlichste Art. Zwischen ihren Bildern liegen nicht nur rund 200 Jahre, sondern auch wahre Welten: Während Breughel seine Bilder mit trubelnden Menschenmassen bevölkert, feiert CDF die große Romantik der Einsamkeit. Und dennoch nutzen diese beiden Maler den Baum im Schnee:

C.D. Friedrich (1774-1840) und Pieter Brueghel d.Ä. (1525-1569)

C.D. Friedrich (1774-1840) und Pieter Brueghel d.Ä. (1525-1569)

So - nun bleibt mir nur, auf wunderbare, weiße weil schneereiche Weihnachten zu hoffen!
Schöne Feiertage wünscht herzlich
Euer
Jonas Torsten Krüger


Neue Krügers

5. Oktober 2009

Da ich momentan nicht auf meine Hauptseiten gelange (”Teeeeeeeechnik!”, würde Otto brüllen), sei hier im Weblog auf zwei Neuerscheinungen hingewiesen, die mir den Herbst doch gleich viel wärmer scheinen lassen:

 

Fantastische Kreaturen & Pilgerweg durch die Hölle

Fantastische Kreaturen & Pilgerweg durch die Hölle

 
Zwei neue Bücher also. “Fantastische Kreaturen” sammelt alles, was Fantasyrang und -namen hat: von Hohlbein, Marzi und Felten bis zu Rümmlein, Blazon oder Melzer. Insgesamt beschreiben 14 Autoren ihre Fabelwesen - ich selbst habe mich dem Faun gewidmet.
“Pilgerweg durch die Hölle” ist dagegen ein Krüger pur - mein erster historischer Roman, eine Abenteuergeschichte auf dem Pilgerweg nach Santiago de Compostella, angesiedelt im Jahre 1130. Und vollgestopft mit Spannung, Blut, Liebe und ein bisschen Weisheit.
Jedes meiner Bücher ist wie ein Kind für mich - und in diesem Herbst sind’s also Zwillinge :-)






 

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